Luise Gerbing

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Wie kommt es, dass so viel volkstümliche Kunst und Schönheit verschwinden und unwiederbringlich zugrunde gehen kann?
Wer aufmerksam der Entwicklungsgeschichte der Tracht folgte, dem wird dieser Niedergang nicht unerwartet kommen. Denn seit den ältesten Zeiten war die Tracht unbeständig, und stets ist bei einer neuen Wandlung über das Verschwinden der “alten” Kleidung geklagt worden.
Man hat auf verschiedene Weise versucht, die ersterbende Volkstracht neu zu beleben, ohne zu bedenken, dass es ein Unding ist, entschwindende Bräuche künstlich zu erhalten. Den meisten Erfolg versprach man sich von der Veranstaltung der Trachtenfeste selbst in solchen Gegenden, deren Volkstrachten längst ausgestorben sind.
Müßte es nicht jedem Freunde des Volkstums zum Bewußtsein kommen, wie unwürdig es ist, die Sitte, die in Jahrhunderten im Heiligtum der Familie und der Gemeinde erwachsen ist, deren sinnbildliche Einzelheiten den wenigsten noch verständlich sind, zum öffentlichen Ergötzen im lärmenden Festzug zur Schau zu stellen? Fast muß man es als ein Glück ansehen, dass die zartesten und feinsten der Trachten, die für das Abendmahl und für die Braut bestimmt waren, kaum noch aufzutreiben sind und daher nicht durch öffentliche Schaustellung entwürdigt werden können.
Vielleicht kennzeichnet nichts so sehr den unaufhaltsamen Sieg der neuen Zeit über die alte, als das Verlöschen unserer Volkstrachten.
Ob die neudeutsche Jugend in ihrem Bestreben, die idealen Güter wieder hervorzusuchen, auch für die Gewandung der Voreltern Interesse hat und belebend wirken wird? Ich bezweifle es. Aus dem Volk selbst müßte der alte Stolz auf die sinngemäße Bauernkleidung hervorwachsen, soll eine echte neue Volkstracht sich entwickeln. Die Versuche, die vergangene Volkskleidung künstlich neu zu erwecken (besonders durch Trachtenfeste) sind mißlungen, so gut sie auch gemeint waren. Denn künstliches Neuentfachen abgestorbener Volksgebräuche ist ein vergebliches und auch unwürdiges Bemühen. Nur zu oft werden die einst heiligen und ehrwürdigen Überreste der alten Tracht zur abstoßenden Maskerade herabgezerrt.
Seit wir mit Schrecken erkannt haben, dass heimische Bauweise, Mundart, Sitte und Kleidung von der gleichmachenden nüchternen Neuzeit hinweg geschwemmt werden, suchen wir wenigstens durch Stift und Feder noch festzuhalten in Bild und Beschreibung, was uns die Voreltern hinterlassen haben. Unaufhaltsam ist insbesondere der Verfall der Volkstracht. Weder Trachtenfeste noch Prämien für das Beibehalten der alten Kleidung  werden das völlige Verschwinden dieser buntesten Blüte unseres Volkstums aufhalten.
Die alten Volkstrachten haben für uns nur noch geschichtlichen und Schönheitswert. Der wird unvergänglich sein und Kunst- und Heimatforschung dauernd befruchten.
Wir dürfen aber hoffen, dass der künstlerische Schönheitssinn und die heimatliche selbständig, eigenartige Schöpferkraft, die das stolze und sinnige Gebilde hervorbrachte, das wir in der alten Tracht kennenlernten, nicht mit dieser Tracht erstorben ist, sondern nur schlummert.

Luise Gerbing
1910

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Luise Gerbing, Installation 2009, Galerie Holzburg

In einem abgedunkelten Bereich hängt ein typisches Exemplar selbstgestrickter Trachtenhandschuhe. Von innen erleuchtet dreht er sich langsam um die Längsachse, sodass das durch das Lochmuster strahlende Licht wandernd auf die Umgebung reflektiert wird. lm Raum ist eine Stimme zu hören, die den obigen Text von Luise Gerbing zitiert.

Der Boden des Vorraums ist mit Erbsen und Bohnen „geflutet” und nimmt Bezug auf die Schwälmer Tradition, den Jungen Bohnen und den Mädchen Erbsen in die Kopfbedeckung aus Seide, genannt „Tritzerkäppchen”, als Fruchtbarkeitssymbol einzunähen.